Attraktive Arbeitsbedingungen— Voraussetzung für die Sicherung der medizinischen Versorgung auf dem Land

Die folgende Rede wurde von Herrn Stefan Grüttner, Hessischer Minister für Soziales und Integration, auf der IKZ-Fachtagung „Landärztinnen/Landärzte gesucht — Was kann Interkommunale Zusammenarbeit bei der Fachkräftesicherung leisten?“ am 07. Juli 2016 gehalten

Sehr geehrte Landräte,
sehr geehrte Erste Kreisbeigeordnete,
sehr geehrte Bürgermeister,
sehr geehrter Herr Dr. Haas,

wir alle spüren es - unsere Gesellschaft verändert sich: Die Bevölkerung wird dank der hervorragenden Gesundheitsversorgung im Durchschnitt immer älter, die Zahl der Einwohner in ländlichen Regionen nimmt teilweise deutlich ab und es kommen mehr Menschen aus anderen Ländern zu uns. Bundesweite Trends, die auch auf Hessen zutreffen.

Dabei vollzieht sich der demografische Wandel in Deutschland und in Hessen nicht einheitlich. Die wirtschaftlich starken Zuwanderungsregionen wie das Rhein-Main-Gebiet locken vor allem Jüngere an. Der Anstieg des Durchschnittsalters fällt dort geringer aus und wird ein paar Jahre in die Zukunft verschoben. Auf der anderen Seite stehen Abwanderungsregionen wie der Werra-Meißner-Kreis oder der Vogelsbergkreis, die zum Teil erheblich an Bevölkerung verlieren werden.

Dies hat grundlegende Auswirkungen auf die Anforderungen an das Gesundheitswesen sowie die Organisation und Struktur von Gesundheitseinrichtungen. In einer alternden Gesellschaft gewinnt Gesundheitsförderung und Prävention an Bedeutung, um den Bürgerinnen und Bürger ein Mehr an gesunden Lebensjahren zu ermöglichen und zu einer Entlastung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgungsstrukturen beizutragen. Ferner wird sich der Bedarf an medizinischer Versorgung zunehmend zu Leistungen für ältere Menschen verlagern, insbesondere zur Behandlung von chronischen und geriatrischen Erkrankungen. Wissenschaftler des „Versorgungsatlas“ zeigten in einer im Juni veröffentlichten Modellrechnung auf, dass künftig Facharztgruppen wie Urologen und Augenärzte, die hauptsächlich an der Behandlung älterer Menschen beteiligt sind, zeitlich höher und Kinder- und Frauenärzte zeitlich weniger beansprucht werden. Dies alles macht deutlich, dass heutige Vorstellungen davon, welche Regionen als über- oder unterversorgt gelten, mit Blick auf die nahe Zukunft auf den Prüfstand gehören. Auch werden perspektivisch die Chancen einer sektorenübergreifenden integrierten Bedarfsplanung, wie dies im Rahmen der Gesundheitsministerkonferenz derzeit erörtert wird, zu prüfen sein. Ebenso werden die physiologischen und funktionellen Einschränkungen von zunehmend älteren Patienten spezifische Präventions- und Versorgungskonzepte erfordern, die eine gewisse Neuordnung der bisherigen Aufgaben der Gesundheits- und Pflegeberufe nach sich ziehen wird. Die Diskussion über die Reform bei der Ausbildung von Kranken- und Altenpflegern sowie über eine Erweiterung der Delegation von ärztlichen Leistungen hat ja gerade erst begonnen. Hier gilt es, ein Umdenken einzuleiten und gegenseitige Vorbehalte abzubauen.

Anrede,

der Bevölkerungsrückgang in den ländlichen Gebieten gefährdet zunehmend die Tragfähigkeit von Infrastrukturen der Daseinsvorsorge und damit die Lebensqualität der Bevölkerung insbesondere in strukturschwachen ländlichen Räumen. Landkreise, Städte und Gemeinden stehen deshalb vor der Herausforderung, sich bereits heute mit Anpassungsstrategien an eine alternde und rückläufige Bevölkerung auseinanderzusetzen und aufgrund von eingeschränkten finanziellen Handlungsspielräumen innovative Lösungsansätze zu finden.

Aber nicht nur die Bevölkerung altert – auch die Ärzteschaft wird immer älter. In den nächsten Jahren werden wir einen regelrechten Generationenwechsel erleben, wenn die Jahrgänge des sogenannten Babybooms der 1960er Jahre ins Rentenalter kommen. Und die jüngere Generation kommt mit neuen Ideen und Vorstellungen. Sie wollen verstärkt in Anstellung, in Teilzeit und im Team arbeiten. Die Einzelpraxis scheint beim Medizinnachwuchs nicht mehr ganz so beliebt zu sein. Nach einer Befragung der Kompetenzzentren Weiterbildung Allgemeinmedizin in Hessen wollen sich nur 11 % der Ärzte in Weiterbildung in einer Einzelpraxis niederlassen. Sowohl Medizin-Studentinnen, die mittlerweile rund 70% der Absolventen ausmachen, als auch ihre männlichen Kollegen formulieren stärker als die heute praktizierenden Hausärzte den Wunsch nach besserer Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit nach planbarer, zeitlich überschaubarer Arbeit im Team, sie legen weniger Wert auf eine unternehmerische Rolle.

Das gemeinsame Auftreten dieser beiden Entwicklungen führt am Beispiel der Hausarztpraxen dazu, dass einfache Nachbesetzungen von Praxen im ländlichen Raum tendenziell schwieriger werden. An der einen oder anderen Stelle mag eine Praxisübergabe noch gelingen. Als Trend zeichnet sich jedoch ab, dass die Nachfolger andere Arbeitsformen als die traditionelle Einzelpraxis eines Landarztes bevorzugen.

Die Hessische Landesregierung fördert und unterstützt deshalb gemeinsam mit den Partnern des Hessischen Gesundheitspaktes die ambulante ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen. Hierbei kommt der ärztlichen Aus- und Weiterbildung eine besondere Bedeutung zu, da die Entscheidung für oder gegen eine Facharztrichtung sehr früh im Studium getroffen wird. Gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung und den Verbänden der Krankenkassen hat das Land deshalb ein System von Fördermaßnahmen und Anreizsystemen von der ärztlichen Aus- und Weiterbildung bis zur Niederlassung geschaffen.

Um junge Ärztinnen und Ärzte für eine Niederlassung zu gewinnen, hat die Kassenärztliche Vereinigung Hessen bereits in 2013 eine Nachwuchskampagne initiiert, bei der im Rahmen von Live- Aktionen Medizin-Studierende direkt an den Universitäten angesprochen und gezielte Fördermaßnahmen zur Stärkung der Allgemeinmedizin umgesetzt werden. So fördert die Kassenärztliche Vereinigung z.B. das Praktisches Jahr in einer akkreditierten akademischen Lehrpraxis in Hessen. Ergänzend fördert das Land ab dem Wintersemester 2015/16 Famulatur-Abschnitte, wenn sie in einer hausärztlichen Vertragsarztpraxis in einer ländlichen Region abgeleistet werden. Hierfür werden 200.000 Euro jährlich zur Verfügung gestellt. Auch stärkt das Land die Allgemeinmedizin, indem die Arbeit der beiden Kompetenzzentren Weiterbildung Allgemeinmedizin in Marburg und Frankfurt mit insgesamt 250.000 Euro jährlich gefördert wird. Hessen war eines der ersten
Bundesländer, in dem an den Universitäten solche Kompetenzzentren eingerichtet wurden.

Mittlerweile kann über 28 Weiterbildungsverbünde flächendeckend eine attraktive Weiterbildung im Verbund angeboten werden. Die Weiterbildungszeiten werden sich dadurch verkürzen. Junge Hausärzte werden dem Gesundheitswesen früher zur Verfügung stehen. Und wenn sie sich für eine Niederlassung in einer hessischen Region mit einem gewissen Versorgungsbedarf entscheiden, erhalten sie von der Kassenärztlichen Vereinigung und den Krankenkassen ein Startkapital von bis zu 55.000 Euro.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Herr Dr. Haas, wird Ihnen heute diese Nachwuchskampagne vorstellen. Herr Erster Kreisbeigeordneter Schmitt vom Landkreis Fulda wird anhand des Projektes „Landpartie“ ergänzend aufzeigen, wie Landkreise, Universitäten und Kassenärztliche Vereinigung bei diesem Thema Hand in Hand zusammenarbeiten können.

Ich meine, dass dank dieser vielen Hilfestellungen der Hausarztberuf in Hessen sehr interessant ist. Welche andere Berufsgruppe bekommt schon solche Starthilfen. Daher kann ich nur an alle Medizin- Studenten appellieren, sich für das Fach Allgemeinmedizin zu entscheiden.

Anrede,

neben der Förderung des ärztlichen Nachwuchses vom Studium bis zur Niederlassung müssen aber auch attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden, damit sich wieder mehr Medizin- Studierende für eine Landarztpraxis entscheiden.

Da sowohl auf der Nachfrageseite zunehmend komplexe Hilfebedarfe entstehen werden, die ein sektorenübergreifendes Zusammenwirken der Gesundheits- und Pflegeberufe erfordert, als auch auf der Angebotsseite der Ärztenachwuchs zunehmend lieber vernetzt im Team arbeitet, fördert die Hessische Landeregierung bereits seit 2014 die Bildung regionaler Gesundheitsnetze gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum für Interkommunale Zusammenarbeit in neun Modellregionen. Mir ist dabei wichtig, dass bei diesen Diskussionen und Maßnahmen nicht nur die medizinische, sondern auch die pflegerische und die sozialbetreuerische Versorgung insbesondere von älteren Menschen im Fokus stehen.

Wie wichtig das Zusammenwirken der verschiedenen Hilfeangebote ist und wie dies gut über regionale Netzwerkkonferenzen organisiert werden kann, wird Ihnen heute Nachmittag die Leiterin der Stabsstelle Altenhilfe des Landkreises Marburg-Biedenkopf, Frau Schlichting, erläutern.

Anrede,

bei der Frage von neuen Versorgungs- und Kooperationsformen sind nicht ausschließlich versorgungspolitische und vertragsrechtliche Fragen, sondern auch infrastrukturelle Rahmenbedingungen zu klären. Hierzu gehören Aspekte der Anbindung einer Arztpraxis an den öffentlichen Personennahverkehr, die Bereitstellung von Pendel- und Begleitdiensten für in der Mobilität eingeschränkte Patienten oder die Kinderbetreuung. Diese Fragen können Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung nicht alleine lösen.

Ich begrüße es daher ausdrücklich, wenn sich Landkreise, Städte und Gemeinden als Partner von Ärzten und Krankenkassen verstehen, mit ihnen gemeinsam die Weiterentwicklung der medizinischen Versorgungsstrukturen erörtern und sogar gemeinsam Rahmenbedingungen schaffen, damit neue Versorgungsformen entstehen. Hier treten Kommunen in der Regel nicht nur als Moderatoren und Mediatoren auf, sie unterstützten vielmehr aktiv die Etablierung neuer Versorgungsformen, indem Immobilien preiswert zur Verfügung gestellt und erschlossen sowie Kinderbetreuung für Ärztinnen und Ärzte organisiert werden.

Die Hessische Landesregierung unterstützt regionale Diskussionsprozesse seit 2014 im Rahmen des Programms „Förderung Regionaler Gesundheitsnetze“. In den Jahren 2014 bis 2018 wurden und werden hierüber neun Modellprojekte mit insgesamt 2,75 Mio. Euro gefördert. Standen in der ersten Förderperiode 2014/2015 die Gründung von regionalen Gesprächskreisen, Versorgungsanalysen und konzeptionelle Arbeiten im Vordergrund, zeichnet sich in der aktuellen Förderperiode 2016 – 2018 die Umsetzung von konkreten Innovationsprojekten zur Weiterentwicklung der regionalen Versorgungsstrukturen ab. So wird die Gründung von lokalen Gesundheitszentren, wie dies der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen empfahl, mittlerweile in acht Landkreisen diskutiert.

Lokale Gesundheitszentren sind keine reinen Ärztehäuser bzw. Medizinische Versorgungszentren, sondern vereinen die verschiedenen Leistungsbereiche unter einem organisatorischen Dach, wie Apotheken, Sanitätshäuser, Pflegedienste, Reha-Einrichtungen und Senioren-Cafés. Ich begrüße die Bestrebungen einiger Projektträger, in diesen Gesundheitszentren auch Beratungsstellen zu integrieren, die mit dem Pflegestützpunkt eng kooperieren oder gar als dessen Außenstellen fungieren könnten.

Die neuen Trägerstrukturen dieser lokalen Gesundheitszentren sind in der Lage, z.B. frei werdende Arztsitze aufzukaufen und jungen Nachwuchskräften zunächst eine Anstellung – auf Wunsch auch in Teilzeit - anzubieten. Nach einer Eingewöhnungszeit kann der Nachwuchskraft eine Niederlassung in Selbständigkeit ermöglicht werden, indem aus der Anstellung eine Mitgliedschaft an der Trägerorganisation wird. Somit sind diese neuen Versorgungsstrukturen auch ein Instrument zur Fachkräftesicherung insbesondere in von Nachwuchskräften derzeit nicht ganz so nachgefragten, ländlichen Räumen. Denn sie schaffen attraktive Arbeitsbedingungen. Eine sehr wichtige Voraussetzung für die Sicherung der medizinischen Versorgung auf dem Land.

Gesundheitszentren bedeuten aber nicht automatisch eine Konzentration der Leistungserbringer in einer Stadt oder Gemeinde. Vielmehr geht es bei dem Zentrumsgedanken darum, einen organisatorischen Rahmen zu schaffen, damit die verschiedenen Akteure gemeinsam Wirtschaften, Handeln und Versorgen können. Das Zentrum oder besser die Zentrale bietet den organisatorischen Kern des Netzwerkes, die möglichst wohnortnahe Versorgung soll aber weiterhin dezentral über Außenstellen des Zentrums sichergestellt werden.

Der Kern solcher Zentren reicht von einem gemeinsamen Netzwerkmanagement über die Etablierung von Integrierten Versorgungsprogrammen bis hin zur Einführung einer gemeinsamen elektronischen Patientenakte. Da die Kommunikation in einem interdisziplinären Netzwerk im 21. Jahrhundert über IT-Strukturen organisiert wird, hat die Hessische Landesregierung entschieden, für
Gesundheitseinrichtungen vorrangig das schnelle Internet bis Ende 2018 flächendeckend verfügbar zu machen. Damit werden auch für ländliche Räume die technischen Voraussetzungen geschaffen, um die vom Bund für 2018 angekündigte Telematik-Infrastruktur als die sichere und zentrale Kommunikationsplattform zu nutzen.

Hessen ist somit auf einem sehr guten Weg, die Versorgungsstrukturen insbesondere in den eher ländlich strukturierten Landkreisen zukunftsfest zu gestalten. Hierfür möchte ich den vielen engagierten Akteuren aus dem Gesundheitswesen, der Pflege und der Altenhilfe danken. An dieser Stelle möchte ich besonders dem Geschäftsführer des Kompetenzzentrums für Interkommunale Zusammenarbeit meinen persönlichen Dank für die bislang sehr gelungene Zusammenarbeit aussprechen. Herr Spandau hat früh erkannt, dass das Instrument der Interkommunalen Zusammenarbeit gut geeignet ist, die Herausforderungen des demografischen Wandels auch im Gesundheitswesen zu bewältigen. Für Ihre tatkräftige Unterstützung und die Organisation dieser Fachtagung meinen herzlichen Dank.

Wie neue Formen der Kooperation zwischen Ärzten, Krankenhäusern und den Kommunen gelingen können, zeigen Ihnen die vom Land im Rahmen des Programms „Bildung regionaler Gesundheitsnetze“ und vom Kompetenzzentrum für Interkommunale Zusammenarbeit gemeinsam geförderten Modellprojekte. Beispielhaft wird Ihnen der 2. Vorsitzende der GesundheitsVersorgungsKooperation Oberzent, Herr Dr. Weber, darstellen, was bislang mithilfe der Interkommunalen Zusammenarbeit im Beerfelder Land erreicht wurde und wie es im Odenwald weitergehen wird. Ergänzend wird der kaufmännische Leiter der Landarztnetz Lahn-Dill GmbH, Herr Bongartz, aufzeigen, wie durch eine jahrelang gefestigte Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und Kreiskliniken neue, zukunftsfähige Versorgungsstrukturen im Lahn-Dill-Kreis geschaffen wurden und künftig noch etabliert werden. Für dieses Engagement erhielt die Landarztnetz Lahn-Dill GmbH sogar den Demografie-Preis 2015 der Landesregierung. Das ist doch ein kleiner Applaus wert.

Anrede,

in letzter Zeit nehme ich verstärkt die Frage wahr, ob und inwiefern die öffentliche Hand – sei es die jeweilige Kommune, der Landkreis oder das Land – Betriebskosten für neue ambulante Versorgungsstrukturen dauerhaft subventionieren oder gar medizinische Versorgungszentren mit angestellten Ärztinnen und Ärzten selbst betreiben soll.

Das Bundesrecht sieht in der Tat die Möglichkeit vor, dass Kommunen in begründeten Ausnahmefällen und mit Zustimmung der Kassenärztlichen Vereinigung Arztsitze aufkaufen und eigene Einrichtungen zur unmittelbaren medizinischen Versorgung der Versicherten betreiben können. Ein begründeter Ausnahmefall liegt nach dieser Regelung aber nur dann vor, wenn eine Versorgung auf andere Weise – nämlich durch die Kassenärztliche Vereinigung – nicht sichergestellt werden kann. Auch bei der Auswahl eines Praxisnachfolgers ist ein Medizinisches Versorgungszentrum, bei dem die Mehrheit der Geschäftsanteile und der Stimmrechte nicht bei Ärzten liegt, gegenüber den übrigen Bewerbern im Nachbesetzungsverfahren vom Zulassungsausschuss nachrangig zu berücksichtigen. Hier hat der Bundesgesetzgeber einen deutlichen Nachrang einer solchen kommunalen Lösung formuliert. Daher verwundert es mich schon etwas, wenn einzelne Ärzte auf Kommunalvertretungen vorzugsweise in Wahlkampfzeiten medialen Druck ausüben, kommunale MVZ zu gründen - selbst wenn nach den Regelungen der Bedarfsplanung eine Überversorgung attestiert wird.

Die dahinter stehenden Partikularinteressen kann ich menschlich verstehen. Als Gesundheitsminister habe ich aber nach wie vor das Verständnis eines wettbewerblich organsierten Gesundheitswesens mit freier Arztwahl. Es darf nicht sein, dass in strukturschwachen Räumen ein öffentlich-rechtliches Gesundheitswesen mit kommunalen Gesundheitskonzernen entsteht und die gerade von der Ärzteschaft hoch geschätzte Freiberuflichkeit nur noch in Ballungszentren mit einem hohen Anteil von Privatpatienten bestehen bleibt. Vorher ist zu prüfen, ob der Arztsitz durch neue Versorgungsformen aufgefangen oder durch die Kassenärztliche Vereinigung selbst zeitlich befristet übernommen werden kann. Der Aufkauf von Arztsitzen durch die öffentliche Hand kann nach Prüfung aller vorhandenen Alternativen hierbei nur die Ultima Ratio bzw. das letzte Mittel sein, um eine Unterversorgung abzuwenden. Diese Voraussetzung sehe ich gemeinsam mit den Partnern des Hessischen Gesundheitspaktes 2.0 derzeit in Hessen als nicht gegeben an. Sofern Sie als kommunale Vertretungen solche Fragestellungen vertiefen wollen, steht Ihnen die Servicestelle „Regionale Gesundheitsnetze“ meines Ministeriums gerne unterstützend zur Verfügung.

Anrede,

in den letzten Jahren sind neben den überregionalen Gesundheitskonferenzen nach dem Hessischen Krankenhausgesetz vielerorts Kreisgesundheitskonferenzen und kreisweite Projektgruppen entstanden, die die verschiedenen regionalen Akteure themenspezifisch zusammenbringen. Die kreisweiten Arbeitsgruppen, die überregionalen Gesundheitskonferenzen und die vielfältigen Aktivitäten im Rahmen des Hessischen Gesundheitspaktes oder des Gemeinsamen Landesgremiums nach § 90a SGB V zeigen, dass der gesundheitspolitische Diskurs in Hessen sehr breit angelegt ist. Politik und Fachleute, die in der Region Verantwortung übernehmen wollen, kommen auf allen Verwaltungsebenen zusammen, um die gesundheitlichen Versorgungsstrukturen zukunftsfest zu gestalten. Hierfür meinen herzlichen Dank an alle Aktiven.

Die heutige Fachtagung soll Ihnen als kommunal Verantwortliche Anregungen geben, in welcher Weise neue Versorgungsformen organisiert werden und wie sich hierbei die Kommunen einbringen können. Sie werden heute gute Beispiele für die vielfältigen Aktivitäten in den Regionen Hessens kennenlernen. Das hohe Engagement der maßgeblichen Akteure sowohl auf Landesebene als auch auf regionaler Ebene stimmt mich zuversichtlich, dass wir die Herausforderungen insbesondere für die ländlichen Regionen gemeinsam meistern werden. Die heutige Fachtagung wird die notwendige fachübergreifende Diskussion verstärken. Ich wünsche Ihnen alle heute interessante, befruchtende Gespräche.

Stefan Grüttner
Hessischer Minister für Soziales und Integration